Wie geht es mit der Materialknappheit und den Preisen im Bau weiter?

Seit zwei Jahren redet die gesamte Branche über die Materialkrise. Wie geht es die nächsten Jahre weiter, entspannt sich die Lage?
Kilian Schöneberger Richard Göldner CATHAGO
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Übersicht

➜ Schlechte Prognosen trotz guter Auftragslage?
➜ Auch die Politik nimmt Einfluss
➜ Expertenmeinungen
➜ Maßnahmen & Fazit

Seit fast zwei Jahren beschäftigt sich die Baubranche fast ausschließlich mit dem Thema der Materialknappheit und der erhöhten Preise in der Beschaffung. Die Gründe dafür sind verschieden und umfassend benannt und analysiert worden. Ein Ausblick in die Zukunft fällt jedoch schwer, zu viele Faktoren haben einen Einfluss auf die Entwicklung der Situation: Neben globalen Effekten wie die Pandemie, Kriege und Inflation nehmen auch nationale Herausforderungen wie der Fachkräftemangel Einfluss auf die Materialsituation. Wie sieht also ein fundierter Blick in die Zukunft aus?

Obwohl es scheint, als ob sich der Alltag in den meisten Bauunternehmen zumindest etwas beruhigt hat, geben die Prognosen für die nächsten Jahre nur wenig Gründe, um sich auf eine entspanntere Situation im Einkauf einzustellen. Dass die Entwicklung der Preissituation im Bau verheerend für viele Firmen war und ist, ist dabei nichts Neues. Obwohl wir bereits heute schon von massiven Preiserhöhungen sprechen müssen, bleibt davon auszugehen, dass sich diese Tendenz weiterhin fortsetzt. Dies zeigen aktuelle Studien von PwC Deutschland.

Schlechte Prognosen trotz guter Auftragslage?

Fest steht, dass die globale Situation keiner Industrie einfache Rahmenbedingungen schafft. Während die Öl- und Gaspreise steigen, werden Lieferketten weltweit durch Kriege und Krisen unterbrochen. Auch die starke Inflation in 2022 erschwert die Planungssicherheit, was Bauunternehmen vermuten lässt, dass Investments und Projekte im Bau zunächst abnehmen. Dabei bestätigt die Bundesbank, dass im Jahr 2022 von einer Inflation von über sieben Prozent auszugehen ist.

„Während die Produktion von Baustoffen in der Pandemie zurückgefahren wurde, lief ein Großteil der Baustellentätigkeiten weiter“, führt Harald Heim (Partner bei PwC Deutschland im Bereich Real Estate) die vorliegende PwC-Studie aus. Es scheint sich jedoch abzuzeichnen, dass Auftraggeber in den kommenden Monaten und Jahren trotz oder gerade wegen der Krisen bauen wollen und werden. So sind Nachholinvestitionen die Grundlage für eine höhere Nachfrage in den Bereichen Gewerbe und Wohnungsbau.

„Die Materialpreise werden sich in den kommenden Jahren sicher auf dem aktuellen Niveau halten. Hier kommen jetzt Recycling und konsequente Wiederverwertung ins Spiel, um bereits einmal verbrauchte Ressourcen besser zu nutzen.“ - Dr. Tilo Nemuth, Geschäftsführer von Julius Berger International GmbH

Auch die Politik nimmt Einfluss

Die gesellschaftlichen Forderungen nach mehr Wohnraum zwingt auch die Politik dazu sich dem Thema Bau mehr und mehr anzunehmen. Angetrieben durch regulatorischen Rahmenbedingungen der Politik wird somit auch in Zukunft nach wie vor viel gebaut werden: Die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen im Bau nimmt somit selbstverständlich auch einen direkten Einfluss auf die Auftragslage, sowie die Preisentwicklung.

Diese Regulatoren fokussieren sich dabei insbesondere auf das nachhaltige Bauen und die damit verbundenen neuen, gesetzlichen Anforderungen an Neubauten und Sanierungen. Dass grünes Bauen auf dem Vormarsch ist und dies auch mehr als begründet, ist dabei klar, dennoch nimmt auch diese Entwicklung maßgeblichen Einfluss auf steigende Preise in der gesamten Baubranche.

„Eine valide Aussage über die Entwicklung der Materialpreise und -knappheit zu treffen, ist heute schwerer denn je. Normalerweise regulieren sich die Märkte aus Angebot und Nachfrage im Laufe der Zeit von selbst. Bei erhöhter Nachfrage wird darauf durch eine gesteigerte Produktion reagiert. Doch die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass selbst dieses ökonomische Grundprinzip durch mannigfaltige Gründe jederzeit gestört werden kann. Erst war es die Corona-Krise mit einer Produktionsdrosselung, dann der Ukraine-Krieg mit drastischen Produktionseinbußen. Mal ist es ein Stau im Suezkanal, mal rekordverdächtige Niedrigstände im Rhein, die zusätzlich die Transportwege stören. Ich halte es für unumgänglich, dass die Bauwirtschaft in den nächsten Jahren lernen muss, Ressourcen verstärkt lokal und aus der Kreislaufwirtschaft zu beziehen.“ - Roland Riethmueller, Chefredakteur von Meistertipp.de
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Maßnahmen gegen die ansteigenden Preise

Obwohl bereits heute die Kosten auf ein Rekordniveau sind, prognostiziert PwC weitere Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent in den kommenden Jahren aus. Es ist demnach wohl von keiner Entspannung in den nächsten Monaten und Jahren auszugehen, was nicht nur die Studie von PwC belegt, sondern auch weitere Umfragen und Analysen. Bauunternehmen sind demnach gut beraten, sich frühzeitig - am Anfang des Projekts oder gar davor - mit Preisrisiken auseinandersetzen und entgegensteuernde Maßnahmen einzuleiten.

Dafür kann und muss sich die Bauindustrie für die nächsten Jahre neu ausrichten, um auf den ansteigenden Druck zu reagieren. Die wohl wichtigste, dabei jedoch unspektakulärste Strategie, ist die Effizienzsteigerung im Bauprozess. Erhöht sich die Effizienz beim gleichen Einsatz von Ressourcen, wird nicht nur gegen den Fachkräftemangel vorgegangen, sondern auch die gefährdete Gewinnmarge bei erhöhten Preisen steigt wieder. Die Grundlage für diese Effizienzsteigerung liegt in den einfachen, digitalen und papierlosen Prozessen auf der Baustelle, sowie im Büro.

„Der anhaltende Druck auf Baustoffkosten und Verfügbarkeiten wird die Notwendigkeit für transparente Prozesse weiter erhöhen. Nur wer seine Lieferketten und Informationsprozesse kennt, beherrscht und, ganz im Sinne der Lean Philosophie, stetig nachjustiert, wird stabil und sicher durch unruhige Gewässer segeln können.“ - Thomas Bär, Managing Director von German Lean Construction Institute - GLCI e.V.

Obwohl BIM bereits heute vielen Unternehmen Kosten in der Planung sparen und diese Technologie einen sehr großen Einfluss auf die Zukunft des Baus haben wird, liegt das Problem bei dem Großteil der Firmen in den alltäglichen Prozessen: Bevor tiefgehende Technologie wie BIM Anklang in der gesamten Branche finden kann, müssen zuvor Geschäftsprozesse digitalisiert, optimiert und papierlos durchgeführt werden. Der Aufwand für Bürokratie und manuelle Aufgaben ist in Bauunternehmen so hoch, dass selbst die einfachsten Aufgaben viele Ressourcen beanspruchen. Aus diesem Grund muss eine digitale Grundlage an Prozessen implementiert werden, um dann Projekte auch mit z.B. Technologien wie BIM aufzuwickeln.